Montag, 22. August 2016

Wehrtürme Swanetiens

Megrelien verhilft uns zu einer langen Fahrt entlang vieler langgestreckter Straßendörfer. Die typischen Würfelhäuser mit ihren Blechdächern schützen sich hinter Zäunen und Häusern. Ihr grauer Anstrich zeigt, wie sich die Witterung in die Beschichtung gefressen hat. Feigenbäume und Obstgehölz wachsen wild und geben dem Grundstück etwas Verwunschenes. Manchmal locken Blumen fröhliche Farben in das Eck. Immer stehen Autos bereit.
Entlang der Dorfstraße weiden magere Kühe. Ist es ihnen zum Wiederkäuen, legen sie sich auf den löchrigen Asphalt. Schwarz gefleckte Schweine mit hohen Beinen trollen auf dem Seitenstreifen entlang. Mit ihren Nasen graben sie nach Fressen. Hühner picken an der Grauzone zwischen Teer und Grünstreifen nach Essbarem. Die Autofahrer haben sich daran gewöhnt und es gehört zum Volkssport, so schnell es geht durch eine Kuhherde zu brettern. Ich sah keine Verkehrsopfer.

Zum Geldverdienen reicht die Landstraße. Ob Dorf oder nicht, wo ein schattiges Plätzchen ist, werden Obst und Gemüse angeboten. Schläfrig hocken die Menschen neben ihren Melonen. Sie träumen von Deutschland.

Immer wieder gibt es Schwerpunktdörfer, z.B. Hängemattendorf, Honigkuchendorf oder Töpferdorf. Diese Waren werden entlang der Straße angeboten.

Ortstypischer Honigkuchenverkauf

Geländetauglichkeit 

Lange Zeit ging es am Inguri entlang. Zu Sowjetzeiten hatte man dem Fluss  mit rd. 270 m eine der höchsten Bogenstaumauern der Welt verpasst. Das Kraftwerk produziert 25 % des Strombedarfs dieses schönen Landes. Durch die Wende ist ein Projekt zur weiter Entwicklung der Wasserkraft zum Erliegen gekommen. Die Ruinen der begonnenen Tunnelbauten sind zu sehen. Es gibt Begehrlichkeiten, das verweste Projekt wieder zu beleben.

Weit vor Mestia hießen uns die ersten Wehrtürme willkommen. Sie sind in ihrer Art einzigartig.

Durch mehrere Rinder- und Schafherden hindurch erreichten wir Mestia. An der Dorfstraße stand unser Hostel. Beim heutigen Imbiss achteten wir streng darauf, dass nicht zu viel bestellt wurde. Wir passen kaum noch durch die Haustür, weil die Kubdaris (Schatchapuri gefüllt mit würzigem Fleisch) so lecker sind.

Unser Eindruck vom Kaukasusdorf sollte durch eine Seilbahnfahrt erweitert werden.

Ushba

Wehrtürme

Ochdag Lugiani lag wach. Er lauschte auf die Geräusche der Schlafenden. Eines der Tiere schuberte sein Fell am Holz. Bald würden sie in das Sommerhaus umziehen. Langsam wich der lange und harte Winter dem Frühjahr. Lawinen waren bis an den Turm abgegangen. Feste Schneemassen umschlossen das Untergeschoss.

Seine Mutter Ida hatte gut gewirtschaftet. Immer noch hing getrocknetes Fleisch an den Ästen des Hirschgeweihs neben der Feuerstelle.

Als im späten Herbst der Boden gefroren und mit einer Schneedecke verschlossen war, wurden die Kühe und einige Schafe in den Turm getrieben. Die letzten Schweine waren geschlachtet und ihr Fleisch haltbar gemacht worden. Im Winter gehörten sie nicht zur Familie. Ihr Gestank verdarb einem den Appetit.

Mit dem Knecht Rosan hatte sein Vater Biaslan im ersten Stock alles für den Winter vorbereitet. An zwei Seiten standen seit
Jahren Holzverkleidungen mit Kopföffnungen für die Tiere. Futtertröge aus Holz schlossen zur Wohnung auf. Bullen und Rinder standen getrennt.  Ochdag und die anderen schliefen über den Tieren. Ihre Wärme war ihnen willkommen.

Wie es Sitte war, hatte Biaslan die Bänke um die Feuerstelle ausgerichtet. Zuletzt hatte er den großen reich geschnitzten Stuhl gebracht. Er musste dem Eingang gegenüber stehen, um den Göttern Platz zu bieten.

Das Vieh begann unruhig zu werden. Bald würde Ochdag unter seinem Schaffell hervorkriechen müssen. Seit er zwölf Jahre alt war, musste er das Vieh im Wehrturm versorgen. Schläfrig streckte er sich, um die Müdigkeit zu vertreiben. Es war bald Zeit. Seine Mutter bereitete schon Frühstück vor. Mit einem Holzstab hatte sie die Asche über der Glut beiseite geschoben und trockene Späne darauf gelegt.

Ida strich sich die schwarzen Haare aus der Stirn. Es wurde Zeit für das Frühjahr. Endlich aus der Enge des Gevierts hinaus zu gehen und sich mit gutem Quellwasser zu waschen und die Kleider zu reinigen, wäre eine Freude. Noch waren in den Vorratskisten aus Holz Mehl, Getreide und Bohnen vorhanden. Sie wünschte sich zu sehr, alles mit frischen Frühlingskräutern zu würzen. Leider war der Honig alle geworden. Etwas vom kostbaren Wein verbarg sie in einer Ecke des Vorratskellers.

Ihr Mann Biaslan hatte sie für ihre Sorgfalt gelobt. Sie war stolz, ihn an ihrer Seite zu wissen. Sie war die Tochter einer wohlhabenden Familie und für ihren starken Mann war die Heirat ein kleiner Aufstieg. Inzwischen war er ein geachteter Führer im Dorf geworden.

Biaslan hatte von seinem Großvater gelernt, die Sterne zu deuten und die neun Knochen zu werfen. Viele kamen zu ihm, um sich Rat zu holen oder über die Zukunft zu hören.

Fast hätte sie das Feuer vergessen.

Scheite mussten nachgelegt und das Feuer angeblasen werden. Rauch kringelte sich unter dem Herdstein zur Deckenöffnung empor. Der Herdstein ruhte auf vier Steinen. Sie konnte unter und auf ihm Feuer machen. Es war ein guter Stein. Er schützte das Feuer, hielt die Hitze und spendete Wärme. Die kleine Flamme ließ Schatten an den Wänden umherspringen.

Ida richtete sich auf. Unter dem Schaffell bewegte sich unruhig ihre Tochter Ckati. Sie war mit ihren neun Jahren bereits eine große Freude und Hilfe. Geschickt ging sie ihr zur Hand und schaute sich die Handgriffe beim Brotbacken ab. Mit ihren klugen dunklen Augen war sie in der Familierunde gerne gesehen.

Ckati träumte, dass sie im obersten Stock des Turmes stand und ins Tal hinunter schaute. Der tosende Gletscherbach hatte eine schmale Schneise in den Berg geschnitten. Ihr Onkel Galoben stand neben ihr. Sie wollte, dass der Turm höher wachsen sollte. Weiter hätte sie dann schauen können. Kaum merklich begann ein Wackeln. Ihr Onkel lachte, weil sie sich an ihn klammerte.

"Der Turm wachse," rief er mit kehliger Stimme und richtete seine Arme gen Himmel. Mit geballten Fäusten schrie er: "Wachse, wachse, wachse Achsakat." Knarren und krachend wuchs der Turm empor. Steinstaub füllte den Raum. Wankend wuchs der Turm dem Himmel entgegen. Die schützende Hand des Onkels war unerreichbar. Ihr Blick glitt durch die Scharte. Die Wehrtürme der anderen Familien waren winzig klein geworden. Die Sterne kamen näher und leuchteten das Tal hinunter. Da sah sie Reiter und Fußvolk wie Ameisen den Saumweg hinaufzieht. Sie trugen Bogen und Lanzen mit sich. Sie wollte schreien, aber kein Ton bahnte sich den Weg über ihre Lippen. Der Onkel war verschwunden. Im Dach klaffte ein Loch, durch das die Sterne ihr Licht rieseln ließen.

Biaslan drehte sich zu seiner Tochter. Sie zuckte unruhig unter dem Fell. Aus ihrem Mund taumelten gurgelnde Laute. Es war wieder einer dieser Albträume, die ihr geschickt wurden. Er rutschte zu ihr und wiegte sie in seinen Armen. Als sie ruhig geworden war, stand er auf.

Sie saßen beim Frühstück. Wie es Brauch war, saßen die Frauen auf der Bank, die
dem Fluß zugewandt war. Ihnen

gegenüber, auf der Bergseite saßen die Männer. Auf dem Ehrenstuhl, dessen Lehne zum Tal hinauf zeigte, saß niemand. Gegenüber saßen die Kinder. In ihrem Rücken befand sich der Einstieg zum Geheimgang, den nur die Männer kannten. Bei einer Hochzeit sollte das Geheimnis nicht mitgegeben werden.

Was wird mit der Familie weiter geschehen?

2 Kommentare:

  1. Hallo Rüdi. Wieder sehr eindrucksvolle Berichte. Die Bilder von den Türmen haben mich sofort an meine Reisen durch Italien erinnert. Dort gibt es in der Toskana einen Ort der auch aus vielen Türmen besteht. Er heißt San Gimignano. Wenn Du wieder in Berlin bist kannst Du Dir die Bilder ja mal Ansehen. Gute Zeit und sichere Heimreise. Liebe Grüße aus dem sonnigen Berlin. Jochen gaa sabine

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  2. Was für eine spannende Geschichte über Ochdag Lugiani und die Mutter Ida. Woher kommt der Text ursprünglich? Oder habe ich da was überlesen?

    Und wieder so tolle Fotos.
    Vor allem die Architektur auf eurer Reise ist so beeindruckend - ich bin ganz hin und weg.

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